Das Ende einer Elite: Vom Niedergang der (auf Papier) schreibenden Zunft (in der Schweiz)

In der Handelszeitung vom 29.11.2012 hat sich die Journalistengilde erneut selbst bemitleidet. An sich ist der Untergang der Verlagshäuser und das Verschwinden der Journalisten jedem interessierten Bürger bekannt und nichts Neues. Wieso berichtet dann der Geschäftsmann 2.0 jetzt auch noch da drüber? Das haben schon Tausende andere vor Ihm getan, oder? Eigentlich wegen zwei Sachen: a.) Weil der sehr gut geschriebene Artikel gute Insights gibt und b.) weil der Autor Hanspeter Bürgin trotz der grundsätzlich guten Qualität des Inhalts fundamentale Fehler bei der Identifikation der Ursachen des Niedergangs der Medienbranche begangen hat. Dazu später mehr. Fangen wir mal mit den Infos zum langsamen Sterben und den (nicht überall) abnehmenden Zahleninformationen an:

Als lokale Ausnahmeblätter, welchen es gut geht, werden  20 Minuten und Spiegel online genannt. Es geht weiter mit den Zahlen:

  • Die Auflage des Blick ist seit 2000 um 50% gefallen
  • Die Auflage des Tagesanzeigers ist im gleichen Zeitraum um 30% gefallen (übrigens zu den “stärksten Zeitschriften der Schweiz” siehe hier)
  • In den letzten 5 Jahren nahm in den USA die Gesamtauflage um 20% ab und
  • In Europa waren es 5% (Anm: Ergo haben wir da noch was vor uns…)Aber: andernorts nehmen die Zahlen dank Alphabetisierung und Erstarken der Mittelschicht zu:
    • Die Gesamtauflage von Printmedien nahm in Asien in den letzen  5 Jahren um 15% zu und
    • In Lateinamerika gab es im gleichen Zeitraum ebenfalls eine Zunahme von fast 5%!

So, kommen wir nun zum Fehler, welchen der Autor bei der Identitfikation der Ursachen gemacht hat. Es ist auch irgendwie verständlich, denn es ist ja ein “Interner” welcher das Thema behandelt und nicht ein “Externer” mit einer allenfalls objektiveren Aussensicht: Bürgin nennt zwei Hauptursachen, welche zum Niedergang führen. Einerseits ist da die Digitalisierung der Information und der damit einhergehende Abfluss der Werbung ins Internet (Google alleine mache damit in der Schweiz 500 Millionen Umsatz!) und andererseits sei da die von den Medien selber vorangetriebene Gratiskultur, welche zur Selbstkannibalisierung führt(e).  Im Artikel steht dazu: ”

….Der Durchbruch der Gratiskultur führte zu einem schleichenden Zerfall der Glaubwürdigkeit der Medien. Verlagsmanager und Besitzerfamilien, denen es vor allem um die Rentabilität ihrer Unternehmen und um ihre Dividenden geht, machten immer mehr Konzessionen an die Werber und kreierten Hefte, Beilagen und Extrabünde, die nur noch die Anzeigen im Visier haben. Dafür wurde das Kerngeschäft geschwächt, Redaktionen wurden ausgedünnt und kaum mehr in die Qualität investiert. Der Journalismus (und die Journalisten) stehen unter Druck….”

Der Geschäftsmann 2.0 meint dazu, dass Hr. Bürgin sicher recht hat, was die Digitalisierung unserer Welt anbelangt. Aber bei der Gratiskultur den zweiten Hauptgrund zu suchen, da ist er voll auf dem Holzweg, findet der Gmann.

Es sind nicht die Gratiskultur fördernden Verlage, welche für den Niedergang verantwortlich zu machen sind. Es sind vielmehr die Journalisten selber, welche sich selber das Loch gegraben haben! Journalisten verstanden und verstehen sich immer noch als Hüter der Gerechtigkeit, ja gar Hüter der Demokratie und der Wahrheit! Sie fühlten sich unantastbar und sie waren es lange auch, sprich sie waren eine “Elite“. Ein ganz aktuelles Beispiel kann der interessierte Leser hier im Editorial der Jahresendausgabe 51/2012 der Weltwoche nachlesen. Da versteht sich der Herr Köppel immer noch als Retter der Schweizer Demokratie, der Artikel trieft nur so von Selbstbeweihräucherung und Pathos.

Doch während Demokratisierungsprozessen geht es den Eliten im Gebiet, welches gerade demokratisiert wird, meistens an den Kragen. Und der ganze User Generated Content, sowie die ganze Blogosphäre sind nichts anderes als die Demokratisierung der Medien. Diese wiederum verändern die Wertebilder der Kunden. Bereits in zwei älteren Posts (erster, zweiter)  hat der Geschäftsmann 2.0 darauf hingewiesen, dass man den klassischen (Print-) Medien nicht mehr traut! Sie gelten als intransparent  und beizeiten als unlauter handelnd und als unausgewogen berichtend. Wieso soll also der misstrauische digitale Bürger noch Zeitungen kaufen?  Somit haben wir neben der Digitalisierung der Branche dazu noch die Demokratisierung der Medien und das ist die zweite Ursache!

Nun, welchen Printmedien glaubt denn der Geschäftsmann 2.0? Spontan fallen Ihm die Handelszeitung (Axel Springer) und die NZZ ein, aber er glaubt ja nicht gross den Printmedien, vielmehr glaubt er “privaten” Leuten, welche Ihm vertrauenwürdig, authentisch und transparent scheinen! (Womit wir wiedereinmal mehr bei den neuen Werten wären 😉

So Long, Euer Geschäftsmann 2.0…