Die Schweizer Wirtschaftselite, die Millenials und die Digitale Revolution am Beispiel der Sharing Economy

Das Schweizer Wirtschaftsestablishment entdeckt langsam das Ausmass der digitalen Revolution und das Transformationspotential von Social Business, insbesondere der Sharing Economy. Leider geschieht dies nach alter Homo Oeconomicus Manier und dazu mit teilweise falschen Schlüssen. 

Auf den UBER gekommen – Der ehemalige Starbanker Konrad Hummler hat sich mit der Bergsicht einen für die Öffentlichkeit kostenpflichtigen Thinktank zugelegt. Die Oktober 2014 Publikation, welche nicht gratis verfügbar ist (hier) trägt den Titel “Miete mich” und beleuchtet in 7 Kapiteln, auf 8 dicht beschriebenen A4 Seiten die aufziehende digitale Revolution, insbesondere die Sharing Economy mit Ihren Paradepferden AirBnB und UBER. Der Geschäftsmann 2.0 gibt eine Zusammenfassung und eine kritische Würdigung.

Zusammenfassung Bergsicht #9 – Miete mich! (13.10.2014)

Die “Freude am Verzicht” der Millenials: Nach der unersättlichen und hedonistischen Generation X dränge eine neue Bevölkerungsgruppe in die Wirtschaft und löse eine durch das Internet 2.0 induzierte Sharing Economy aus. Das Umwälzungspotential sei dabei eher von der Grösse eines Kontinents als das eines Eisbergs. Die Jungen besitzen das Privileg nicht, zu wissen, wie die Welt ohne Tablet und Clloud aussah. Sie können deswegen auch nicht eine Analogie zu den früheren Entwicklungslinien aufbauen, welche durch das Computing generell und den PC im besonderen ausgelöst worden sind. Die Mainframes konnte sich damals nur die Minderheit der grossen Firmen leisten und hatte somit wenig Impact. Die anschliessende PC-Revolution, welche dann die Geschäftsprozesse von allen Firmen effizienter ablaufen liess veränderte bereits mehr, aber die persönlichen Verhaltensweisen des Individuums waren davon wenig betroffen. Anders Heute: Das Internet, die Mobiltelefonie, sowie die inzwischen universell verfügbare und beinahe kostenlose Rechenpower führen zu einer Gesellschaft und zu einer Wirtschaft, welche nie schläft, immer erreichbar ist und anders tickt. Entscheidungsprozesse sind spontaner und das Geschäftsmodell an sich wurde massiv durch die Elimination von Intermediären entschlackt. Die Elimination der Transaktionskosten, die Internetverfügbarkeit von Knowhow zum Nulltarif und die direkte Verbindung zwischen Produzent und Unterlieferant wie auch zwischen Anbieter und Kunde liess die heute allgemein bekannten Plattformen wie UBER entstehen, egal in welchem Gebiet. Vordergründig haben diese Plattformen einen Anstrich der Uneigennützigkeit bzw der Gemeinnützigkeit. Doch die Plattformen des Web 2.0 greifen dabei frontal bestehende Geschäftsmodelle an, eliminieren Distributionskanäle und schaffen komplett neue Märkte. Das Holprinzip der Wirtschaft 1.0 wird durch das Bringprinzip des Internet 2.0 und des inzwischen mobilen PCs (Smartphone etc), ersetzt. Die Auswirkungen dieser Mechanismen und der neuen Spieler können exemplarisch am Niedergang der Medien oder auch anhand des Sterbens der Bankfilialennetze betrachtet werden. Es wird der Anfang einer neuen, ganz langen, grossen Geschichte geortet, könne doch nun jedes einzelne Individuum auf diesem Globus Leistungen anbieten, welche beizeiten zu einem lächerlichen/keinen Preis vom Benutzer/Verbraucher bezogen werden können. Und das wird nun in Weltwirtschaft spür- und erkennbar.

Die Millenials gehören genau gleich zur Gattung Homo oeconomicus Die Bergsicht fragt nun im Artikel, ob die Sharing Economy bzw. die Generation Y einen Sinneswandel herbeigeführt habe, welcher sich durch ein weniger ökonomisches Denken und Handeln auszeichnet. Die Autor kommt zum Schluss, dass dem nicht so sei und dass auch dieses Phänomen mit den klassischen ökonomischen Verhaltensmodellen erklärt und begründet werden könne. Die dem Homo Oeconomicus zugrundeliegende persönliche Nutzenmaximierung sei auch bei den Millenials vorhanden, einfach die Art des Nutzens, welcher maximiert werde, sei nicht nur ein monetärer.  Es wird gefolgert, dass die Freimaurer an den Kathedralen von Wikipedia und Linux KEINE anderen Menschen seien als der Homo oeconomicus. Die Leute, welche auf UBER Ihre Taxidienste anbieten oder Ihre Wohnungen via AirBnB vermieten, seien sogar Vorzeigeexemplare des Homo oeconomicus, nämlich die ganz besonders geschäftsorientierten! Die neue Share Economy erlaube es heute einfach einer neuen Art von Mikrounternehmern, Ihr z.T. sehr geringes aber handfestes Kapital im Sinne eines Autos oder einer Wohnung effizient zum Einsatz zu bringen. Mikroökonomisch (im Einzefall) gesehen sei das einfach eine Nutzenallokation von Überkapazitäten bei privaten Gütern. In der Summe (makroökonomisch) sei es aber dann happig: AirBnB sei heute (Ende 2014) im Vergleich mit den Hotelketten bereits an fünfter Stelle mit einem geschätzten Wert von 10 Milliarden USD!

Die neue deflationäre Überkraft – Die alteingessenen Marktteilnehmer mobilisieren Ihre Lobby. Alle schreien nach Governance, Regulierung und (staatlicher) Kontrolle der neuen Plattformen. Als Gegenpol wird die “Peer-Review” als sehr potentes und alternatives Mittel der Selbstregulierung genannt, mit dem Verweis, dass hochregulierte Bereiche der Wirtschaft und Gesellschaft eigentlich nur dafür reguliert sind, damit es Neueinsteiger möglichst schwer haben. Hotels und Taxiunternehmen sind solche hoch regulierte Branchen. Trotzdem wird das Ihnen nichts nützen: Taxiunternehmen wird es schneller an den Kragen gehen als anderen transformierten Wirtschaftszweigen vorher. Und da die Übernachtungen bei AirBnB zwischen einem Viertel oder der Hälfte von normalen Übernachtungen kosten, haben diese einen enormen Preisvorteil. Ungeachtet dieser Vorreiter werden weitere Wirtschaftsbereiche von der Sharing Economy erfasst werden. Mit einem entsprechenden realen Angebotsschock. Und mit entsprechenden deflatorischen Konsequenzen. Ein lokales Beispiel ist Sharoo, wo man einen Mini für 60 CHF pro Tag mieten kann. Die Bergwelt geht davon aus, dass auch andere globale Branchen, wie das in der Schweiz stark verankerte Banking betroffen sein, werden, hier wird (plattformbasiertes) Peer-to-Peer Lending als Stichwort genannt. Es wird zwar von einem Wirtschaftswachstum ausgegangen, aber in einem deflationären Umfeld. Vom Gleichen geht der Artikel auch bei der Werbebranche in Bezug auf Google Adwords et al  aus  (Anm: Siehe Post vom Gmann hier) und gibt zu bedenken, dass ebensolche Plattformanbieter in Ihrer Branche eine Monopolstellung einnehmen werden (Anm: Das ist allgemein als Amazonification bekannt), ohne dass die sogenannten “Wettbewerbshüter” hier effizient eingreifen könnten. Der politische Druck auf die Plattformbetreiber – egal ob Share Economy Anbieter oder nicht – wird aber weiterhin zunehmen, siehe z.B die aktuellen Bemühungen der EU-Kommission  bei der Wettbewerbsuntersuchung gegen Google und dessen Monopolstellung in Europa in Sachen Internetwerbung.

Fazit und Ausblick – “Internet 3.0” als gesellschaftspolitischer Prozess Es wird der Schluss gezogen, dass die Share Economy alles Andere als eine temporäre Spielerei sei und in der Wirtschaft disruptive Vorgänge zu erwarten sind. Es werden Geschäftsmodelle unter Druck geraten, welche bis anhin als unangreifbar galten. Der aktuellen Euphorie soll mit Skepsis begegnet werden, denn man weiss aktuell nicht, ob die bis heute NICHT profitablen Rocket’ s und Zalando’s  irgendwelche Konkurrenten bekommen werden oder ob solchen Plattformen nachhaltige Monopolstellungen gelingen und diese dann mit Ihrem “Null-Grenzkosten” Geschäftsmodell nach der Weltherrschaft und nach unglaublichen Gewinnen greifen werden.

Weiter wird empfohlen, die Share Economy wirklich ernst zu nehmen, denn diese sei die Kulmination der Vorgänge der letzten 40 Jahre: Die unbeschränkte Rechen-Kapa, mobile Kommunikation und die Plattformen ermöglichen dem Individuum den Einsatz seines freien Kapitals im Markt. Nicht nur wirtschaftliche, sondern auch gesellschaftliche Folgen und Erdrutsche werden die Folge sein. (Anm: Das hat der Gmann schon vor Jahren prophezeit, siehe hier und hier). Gleichzeitig werde dabei jedoch fundamentale Kritik laut, welche gesellschaftspolitische Relevanz habe: Der Autor zitiert irgendwelche (deutsche) Philosophen: “Man müsse Wege finden, um den Menschen vor dem zu schützen, was er will”, denn das heutige kapitalistische System unterstütze die sogenannte “Selbstausbeutung” des Einzelnen. Zu guter Letzt kommt die Konklusion, dass das kapitalistische Modell (Anm: Wettbewerb, Angebot, Nachfrage) bei den Sharing Economy Plattformen nicht funktioniert und dadurch werde das zweite Internetzeitalter in ein Internet 3.0 übergehen, welches von “Governance – Fragen “ beherrscht werden wird.

 

Kritische Würdigung des Artikels durch den Geschäftsmann 2.0

Allgemein  Es ist ein sehr durchdachter Artikel, weitgehend gut bis sehr gut geschrieben, trotz der Fremdwörter im Text. Man merkt die Aussenbetrachtung eines Analytikers, welchem die Erfahrung der Anwendung der Share Economy oder gar als Player in der Share Economy fehlt. Trotzdem, der Geschäftsmann würde auch andere Artikel der Bergsicht lesen, leider ist das aber nur kostenpflichtig möglich. Für so etwas zahlt man heute nicht mehr. Der Artikel basiert jedoch auf einer komplett falschen Grunddisposition, nämlich der des Modells des Homo oeconomicus und dessen zu kurz greifenden basiskapitalistischen Mechanismen. Heute gilt der Homo conniunctus, manchmal auch Homo connectus genannt.

Richtig ist, dass der aktuell sichtbar werdende Prozess eine Verschiebung kontinentalen Ausmasses ist und nicht nur “ein Eisberg”. Richtig ist auch, dass der Konsument und der Anbieter, wie auch der Produzent und der (Zu-) Lieferant eine bedeutend direktere Verbindung haben und dass die Transaktionskosten in der Wirtschaft gegen Null tendieren. Korrekt ist ebenfalls, dass die Share Economy alles Andere als eine Spielerei ist. Genau gleich wie die sozialen Medien ist die Sharing Economy gekommen um zu bleiben. Es ist eindeutig ein Megatrend. Es ist ebenfalls richtig, dass die Sinnfrage in den letzten Jahren stark zugenommen hat, wie auch bei den meisten Jungen die Freizeit vor der Arbeit kommt. Sie haben es ja hautnah erlebt, wie Ihre arbeitssüchtigen Eltern der Baby Boomer- und Abzocker-Generation unsere Welt, die Wirtschaft und die Gesellschaft zugerichtet haben. Übrigens: Der Autor (wohl geboren als Baby Boomer) schimpft die Generation X als unersättlich und hedonistisch, die Attribute und Taten der eigenen Generation werden aber nirgends im Artikel reflektiert.

Falsch ist die Anwendung von klassischen oekonomischen Verhaltensmodellen auf die Millenials.  Diese gelten heute einfach nicht mehr, insbesondere der Aspekts der Nutzenmaximierung des Individuums. Diese sogenannte Nutzenmaximierung des Homo oeconomicus ist ein Verhalten, welches sicher im Menschen bis zu einem gewissen Grad als Grundveranlagung vorhanden ist. Nur bis so etwas zu einem aktiven Verhalten wird, muss das zusätzlich gelernt, geschult, geübt und dann auch entsprechend belohnt werden. Wenn im heutigen Zeitalter solche “Nutzenmaximierungen” und Belohnungen unlautere, unmoralische, ausbeuterische oder gar illegale Grundlagen haben, dann kann dem heute – Dank des Internets – ein Riegel vorgeschoben werden. Denn das Internet ist nicht nur eine riesige Informationsmaschine, sondern es ist auch eine riesige Transparenzmaschine, welche die übermässige Maximierungen, egal welcher Couleur, offenlegt. Der Anreiz zur Nutzenmaximierung wird ergo bei den jüngeren Bevölkerungsschichten und den nachfolgenden Generationen durch das Web gedämpft. Somit haben die klassischen oekonomischen Verhaltensmodelle keine Gültigkeit mehr.

millenial_david_clugstonDie Marktteilnehmer der Share Economy als Vorzeigeexemplare des Homo Oeconomicus zu identifizieren ist zuweit her geholt und ist dahingehend ein gar ein fataler Fehler, weil man die neue Generation in bestehende und dazu noch in hinfällige Denkmuster versorgt. Klar gibt es Taxifahrer, welche nun noch mehr arbeiten, aber nicht alle. Weit nicht alle Hausbesitzer geben Ihre Liegenschaft wegen dem Geld zur Vermietung frei, das zusätzliche Einkommen ist ein willkommener Nebeneffekt, häufig geht es auch um eine Beziehung zu anderen Menschen, welche man dabei aufbaut. Obschon man hier von einer “sozialen Nutzenmaximierung” sprechen könnte, findet der Geschäftsmann das doch ein wenig übertrieben. Und nochmals: Die Behauptung, dass es Unsinn sei, dass die Marktteilnehmer der Share Economy nicht Homo oeconomici seien, kann so nicht akzeptiert werden. Das Handeln Marktteilnehmer der Share Economy, findet transparent im Internet statt, sie werden implizit dadurch gezwungen, bessere Menschen zu sein, sie werden gar dazu konditioniert!

Und drittens: Selbstlosigkeit und Nächstenliebe konnten die obigen Modelle sowieso noch nie erklären, wieso sollten diese dann richtig sein? Solche Sachen zählen schon seit einigen Jahren noch mehr, der Wertewandel ist auch entsprechend belegt.

Das Phänomen Share Economy im isolierten Kontext der Wirtschaft zu betrachten und erklären zu wollen, wie auch die Identifikation der aktuellen Umwälzungen als gesellschaftspolitischen Prozess ist zu eng gefasst. Das was hier abgeht, betrifft “Alles”, jede einzelne Facette unseres menschlichen Daseins auf diesem Planeten. Revolutions doesn’t happen when Society adapts new technologies, Revolution happens when Society adapts new behaviours!

Ein drittes Internetzeitalter, welches von Governance Fragen beherrscht werden wird wird es so nicht geben, bis zu diesem Zeitpunkt wird die EinsNuller Generation der Baby Boomer schon lange aus dem Wertschöpfungsprozess der Wirtschaft verschwunden sein und irgendwann mal werden sich die “Alten” auch aus der Politik verabschieden, siehe das langsame Verblassen von Christoph Blocher. Und: Internet 3.0 – Bitte aufhören, “etwas” heraufzuzählen. Die Revolution ist da und die hat schon lange mit Web 2.0 angefangen.

“Privileg” ohne Handy? – Konrad Hummler meint, die Älteren verfügen über das “Privileg” noch zu wissen, wie das ohne Smartphone und PC war. Naja, so eine Aussage löst bei den jüngeren Leuten eher Mitleid als Bewunderung aus. Der Geschäftsmann hat zu diesem Thema bereits Dutzende von Artikeln geschrieben 🙂

Der im Artikel erwähnte Quatsch vom Freiheitsverlust und der Selbstausbeutung durch Share Economy, Web 2.0 etc kann wirklich nicht ernst genommen werden: Die Jungen können da keinen Freiheitsverlust erkennen. Sie sehen eher Convenience, die Flexibilisierung Ihres Arbeitsortes und Ihrer Arbeitszeit. Von Ausbeutung kann man nur reden, wenn man irgendwelche Opfer identifiziert, die Millenials sehen sich auf jeden Fall eher als Opfer der Abzocker und der Heuschrecken der Gattung Homo Oeconomicus, so wie diese gehäuft in der Generation Ihrer Eltern, der Baby Boomer auftraten.

Fazit: Die Bergsicht, wie auch K. Hummler sind in den Schweizer Chefetagen meinungsbildend. Deswegen ist es umso fataler, wenn dort das sterbende Modell des Homo Oeconomicus nach wie vor zementiert wird und dadurch die Sicht auf die Millenials, deren Werte und Verhaltensweisen getrübt wird. Das wiederum erhöht wiederum die Wahrscheinlichkeit, dass die im”Miete mich!” Artikel vorausgesagten Umwälzungen und Firmenkonkurse auch eintreten…

So Long und sorry für den langen Beitrag, Euer Geschäftsmann 2.0

PS: Apropos Thinktank – Diesen gibt es beim Geschäftsmann 2.0 gratis – Auch das ist Sharing Economy, vielleicht kann sich die Bergsicht davon eine Scheibe abschneiden und dieses abstruse Abonnementsmodell fallen lassen. Der Geschäftsmann empfiehlt: Teilen Sie gratis, freuen Sie sich an sehr vielen Lesern und machen Sie Ihr Geld neu mit AdWords sauteuren Liveauftritten, Büchern und Beratungsmandaten. Oder lesen Sie nicht tagtäglich gratis inside-paradeplatz?

Weitergehende Links zum Thema:

Social Business Referat:

Jobst Wagners Strategierat 21 – Feedback zur Roadmap für eine Schweiz 2.0

Engagierte Schweizer Bürger, vereinigt euch! Das Land braucht eine Strategie. Ein Vorschlag.” Dies ist der Titel zum Artikel “Strategierat 21” in der 1000. Ausgabe (!) der Zeitschrift Schweizer Monat und er gehört zu einem der interessantesten und auch nahrhaftesten Beiträge, welchen der Geschäftsmann 2.0 im 2012 gelesen hat.
Der Artikel ist ein Aufruf und ein Vorschlag, wie man vorgehen könnte, um die Schweiz wieder auszurichten und so dem Land wieder eine klare Perspektive zu geben. So etwas ist es wert unterstützt zu werden und deswegen nahm sich der Geschäftsmann die Zeit, sich mit dem Inhalt von Jobst Wagner’s Artikel aus der Optik “Schweiz 2.0” auseinander zu setzen.

Sehr geehrter Herr Wagner,

Ihr Artikel spricht mir über weite Strecken aus dem Herzen. Auch mich beunruhigt die aufkommende Mentalität (der Gier) in gewissen Wirtschaftszweigen. Das Quartalsdenken und die überrissenen Managersaläre sind mir ebenfalls ein Dorn im Auge, denn Kurzsichtigkeit und Egoismus bringen unser Land nicht weiter. Die klassischen Medien sind ebenfalls nicht mehr diejenigen, welche Sie früher einmal waren. Auch mich stört deren grosses Ego, deren Machtanspruch, deren mangelnde Zurückhaltung und deren abnehmende Objektivität (Vergl: Artikel zum gleichen Thema hier).

Sie fragen, wie man in einer stark individualisierten Gesellschaft die klassischen Wertebilder wie Vertrauen, Loyalität und Anstand neu mobilisiert werden können und ob das Milizsystem noch mit dem heutigen Wertepluralismus vereinbart werden kann. Hierzu kann ich nur sagen, dass ich  insbesondere bei den Schweizer Millenials* ein Wiederaufleben dieser von Ihnen als “alten Ressourcen” bezeichneten Werte spüre. Entsprechende Studien aus dem Deutschsprachigen Raum – erhoben in den sozialen Netzwerken – untermauern diese Wahrnehmung, Details hier. Und ja, das Milizprinzip hat nach meinem Dafürhalten durchaus Zukunft, auf jeden Fall mehr als in den letzten 20 Jahren. Denn gemäss dem Werteindex 2012 ist “Gemeinschaft” der grösste Aufsteiger. Für die Gemeinschaft setzt man sich auf ganz natürliche Art und Weise ein. Solch eine Contribution ist in der Schweiz erkennbar, vor allem im Internet. Ja das Internet – Die von Ihnen erwähnte Politverdrossenheit, die von Ihnen wahrgenommene Ohnmacht und der angesprochene lähmende Zeitgeist: All das ist im Web nicht zu spüren. Die Jungen sind viel aktiver als meine Generation der Babyboomer, welche mit dem TV sediert worden ist. David Bosshart vom GDI stellt denn auch fest, dass mit dem Leitmedium Internet aufgewachsene Bürger kritischer und aktiver sind. Das stimmt, auch das von Ihnen vermisste Interesse an Staat und Gemeinschaft ist in der “jungen” Gesellschaft da! Nur sind die Aktivitäten dazu eben hauptsächlich im Internet zu finden. Eine Manifestation in der realen Welt findet lediglich im Eskalationsfall statt, so geschehen z.B. letzten Sommer mit der Bern Tanzt Bewegung. Ich fand es übrigens eine Frechheit, dass unser bernisches Politestablishment dieser Bewegung einen politischen** Inhalt absprach! Den Jungen ist eben anderes wichtig als uns Älteren. Kurz: Kann es sein, dass sie an den falschen Orten schauen?

Sie wollen die Brüche im Fundament der Schweiz wieder festigen, damit wir für die Zukunft (einer 10-Millionen Schweiz) gerüstet sind. Die dafür notwendigen Grundsatzdiskussion können jedoch nicht mehr so durchgeführt werden, wie sie die letzten 40 Jahre gemacht worden sind, ich verweise auf meinen letzten Post. Ältestenräte funktionieren nicht mehr. Für zukünftige und anders verlaufende Diskussionen sind die dafür nötigen Plattformen  sicher im Web zu suchen, bzw. sie sind bereits vorhanden. Den seriösen Diskurs, welchen Sie wünschen, sollte eigentlich eine positive und länger andauernde Version eines Shitstorms sein und muss hauptsächlich im Web stattfinden.

Themengebiete – Sie schlagen für die Erarbeitung der Strategie 21 die Aufteilung in sieben Gebiete vor:

1. Direkte Demokratie / Föderalismus
2. Bildung
3. Energie
4. Finanzplatz / Bankgeheimnis
5. Handel / Globalisierung
6. Demographie / Bevölkerungswachstum
7. Sicherheit

Bevor ich mir erlaube, bei ausgewählten Gebieten einen kurzen Kommentar abzugeben, möchte ich generell zwei Sachen anmerken:

a.) Ich bin überrascht darüber, dass ein Mann des Werkplatzes Schweiz es nicht für nötig hält, diesen als separates Gebiet zu thematisieren. Der Werkplatz ist eigentlich der Schweizer hidden Champion, warum unternehmen wir nicht alles, um diesen noch mehr zu stärken, anstelle die Finanzler zu pampern?
b.) In der Auflistung fehlt mir weiter das Gebiet Innovation, obschon es mir durchaus bewusst ist, das das ein ausgesprochen abstraktes Thema ist

Kommen wir zu den konkreten Kommentaren pro Themengebiet:
1. Direkte Demokratie / Föderalismus – Sie fragen sich, wie man das System effizienter gestalten kann. Aufgrund der heutigen technologischen Möglichkeiten sind heute viel grössere selbstorganisierte Gruppierungen möglich. Ohne vermeintlichen Führer. Das Ausleben des Föderalismus und der Demokratie sollten eigentlich per sofort in den Sozialen Medien stattfinden, daraus folgend mit viel weniger Führungs- und Administrativaufwand, sowie schlanker und schneller.
Und das wird passieren, sobald eine kritische Masse von erwachsenen Millenials in der Bevölkerung vorhanden sein wird, sprich das wird bereits vor 2020 der Fall sein (Entwicklung siehe hier). Und noch ein Tipp: Die Deutsche Piratenpartei verwendet bereits heute eine Plattform zur interaktiven Demokratie namens “Liquid Feedback“. Diese Plattform wurde übrigens auch von der Occupy-Wallstreet Bewegung als Management- und Führungs-Werkzeug übernommen.
2. Bildung – Ich glaube nicht dass es mehr private Institutiionen braucht, sondern eher Bildung 2.0, welche für jeden frei verfügbar ist. Die Khan Akademie macht es uns vor und genau so etwas brauchen wir im deutschsprachigen Raum (nicht nur in der Schweiz). Das ist aufzubauen, nur ist der Pain bei uns aufgrund unserer Kleinräumigkeit einfach nicht so offensichtlich, sie haben in Ihrem Artikel ja die vielen Unis aufgezählt, welche auf kleinstem Raum vorhanden sind.
4. Finanzplatz / Bankgeheimnis – Es stimmt was sie schreiben: Die Banken müssen sich neu erfinden. Und diese werden sich neu erfinden, von alleine. Es kann durchaus sein, dass die Standardgrösse der Finanzinstitute in Zukunft viel kleiner sein wird als Heute. Die heutigen Grossbanken sind zu gross für das digitale Zeitalter. Die Bank 2.0 wird höchstwahrscheinlich kleiner sein. Ich empfehle, den Beitrag von Jacques Neyrinck an der letztjährigen Tedx Zurich anzuschauen. Sein brillianter 11minütiger Speech dreht sich um die EU und um das Problem dass die grossen Nationalstaaten die EU dominieren und die Zukunft der EU eine bessere wäre, wenn es keine so grossen Staaten geben würde. Was hat das nun mit dem Finanzplatz zu tun? Nun, ich möchte Sie bitten, dies als Analogiebeispiel für den Bankenplatz zu nehmen. Im digitalen Zeitalter sind kleinere Organisationen im Vorteil, das zeigt sich doch eindrücklich genau am Werkplatz Schweiz. Unmengen von KMUs, über die zwar niemand schreibt, aber welche trotzdem das Rückgrad der Schweiz sind (und bleiben werden!)
5. Handel / Globalisierung – Die Schweiz war in den letzten Jahrhunderten häufig ein Frontrunner. Während der industriellen Revolution war die Schweiz nach Belgien das zweite industrialisierte Land in Kontinentaleuropa! Heute sind wir bei der digitalen Revolution angelangt und neben dem weltweit höchsten Digitalisierungsgrad ist die Schweiz dazu eines der am meisten oder das am meisten globalisierte Land der Welt! Sie fragen, was wir (den Asiaten) zu bieten haben, wir haben ja “nichts”. Bei der aktuellen Situation in der EU müssen wir nichts zusätzliches bieten. Ich bin kein SVPler, aber es stimmt: Wir sind das beste was Europa zu bieten hat. Punkt.

Zum Schluss – Ich teile Ihr Anliegen zu so einem Strategierat 21, aber das muss – wie in meinem letzten Post erwähnt – irgendwie anders ablaufen, auch wenn ich noch nicht genau weiss wie. Auch ich verstehe mich als engagierten Bürger und Unternehmer. Ich verstehe mich ebenfalls als Experten in Sachen “2.0”. Ihr Artikel hat mich dazu gebracht, mir Gedanken dazu zu machen, wie unser Land möglichst effizient zu einer effektiven Schweiz 2.0 reifen kann. Ob wir dem Strategierat 21 sagen oder Schweiz 2.0 , schlussendlich gehts bei beidem in die gleiche Richtung!

Freundliche Grüsse vom Geschäftsmann 2.0, Pavel “Palo” Stacho

*Es heisst ja schon, die jungen Schweizer seien wieder “bünzlig” (Hier)
**Zur Erinnerung: In Wikipedia heisst es zu Politik zum Beispiel: „Soziales Handeln, das auf Entscheidungen und Steuerungsmechanismen ausgerichtet ist, die allgemein verbindlich sind und das Zusammenleben von Menschen regeln“.

Das Ende der “Ältestenräte”: Der geforderte Schweizer “Strategierat 21” funktioniert so nicht mehr

Engagierte Schweizer Bürger, vereinigt euch! Das Land braucht eine Strategie” fordert Jobst Wagner, ein gewichtiger Mann in der Schweizer Wirtschaft. Mit dieser Forderung hat der Leiter der Rehau-Gruppe nicht unrecht, meint der Geschäftsmann 2.0! Die Orientierungslosigkeit tritt in Zeiten des Umbruchs so wie heute verstärkt zu Tage und dies spürt der Geschäftsmann 2.0 auch.

schweizermonatWagner formuliert in seinem Essay mit dem Titel “Strategierat 21” – welcher in der 1000. Ausgabe (!) der Zeitschrift “Schweizer Monat” publiziert worden ist – einen Vorschlag um die Schweiz wieder auszurichten und so dem Land wieder eine klare Perspektive zu geben: Dazu soll mit im Land “geachteten Personen” ein Strategierat besetzt werden, welcher in den sieben für die Schweiz so wichtigen Themen Föderalismus, Bildung, Energie, Finanzplatz / Bankgeheimnis, Handel, Demographie und Sicherheit eine entsprechende nationale Strategie ausarbeiten soll. Dieser Strategierat soll natürlich nicht im Elfenbeinturm seine Arbeit verrichten. Nein, zusammen mit den Universitäten aller Landesteile und mit den heimischen Denkfabriken wie Avenir Suisse / foraus sollen die Resultate anhand eines breit abgestützten Prozesses ausgearbeitet werden.

Coole Idee! – Nur wird das in der heutigen Zeit im digitalen Zeitalter des Social Business nicht mehr funktionieren. Solche Prozesse können, nein sie müssen im Volk, in der Crowd ablaufen! Die Bürger emanzipieren sich und sie haben heute auch die Mittel dazu, Ihre individuelle Meinung zu äussern. Die sozialen Netzwerke sind die Plattform um genau so einen Diskurs zu starten. Eine weitere Tatsache ist, dass durch die Emanzipation die Bürger kritischer sind und es somit schwierig sein wird, die Kompetenz des Volkes nur an 10 “geachtete Leute” (so wie im Artikel von Wagner vorgeschlagen) zu delegieren. Eine weitere Frage ist dann, ob man es in der heutigen Zeit überhaupt noch hinbekommt, zehn solche Persönlichkeiten mit einer entsprechenden Kredibilität UND Akzeptanz zu nominieren. Heute wird die Kreditbilität – sprich Transparenz, Akzeptanz und Vertrauen – je länger wie mehr im Internet gebildet. Und dem Geschäftsmann 2.0 fällt auf die Schnelle gerade keine bekannte und geachtete Person der Zivilgesellschaft ein, welche eine entsprechende Identität in der virtuellen Welt hätte.

Die heutigen “Weisen” in der Schweiz sind eben alle 1.0. Sie stehen dem Stereotyp des Homo Oeconomicus näher als dem des Homo Coniunctus – des vernetzen Menschen. Diese Leute verstehen die jungen Menschen, die Millenials sowieso nicht und die Wertewelten differieren sowieso. Somit steht fest: Ältestenräte funktionieren heute nicht mehr. An ihre Stelle sind die Aktivisten der Crowd getreten (Details hier).

Im nächsten Post gibt es noch eine kurze inhaltliche Beurteilung des Artikels “Strategierat 21” an die Adresse von Jobst Wagner, da hat der Geschäftsmann 2.0 noch einige Anmerkungen dazu.

So Long aus Muri bei Bern, Euer “Palo” Pavel Stacho

PS: Hier gibts eine Auswahl von Artikeln vom Geschäftsmann 2.0 rund um die Millenials

Der Homo oeconomicus ist definitiv ein Auslaufmodell!

Bei den vertieften Definitionsarbeiten zum Homo coniunctus recherchierte der Geschäftsmann 2.0 Inhalte zum “Homo oeconomicus” im Web. Dazu nutzte er die Bildsuche zum Homo oeconomicus (ja, die Bildsuche) im Web. Und was fand er? Lauter Parodien! Die Mehrheit der Beiträge auf den ersten Resultatsseiten von Google waren negativ. “Wen wunderts“, tendiert der geneigte Leser zu fragen: “Der Oeconomicus ist ja sowieso ein Auslaufmodell“.  In der Tat ist es so! Zumindest wenn man Google als Massstab nimmt…  …interessanterweise waren ziemlich viele deutschsprachige Artikel in den Resultaten dabei, wie auch Artikel aus der Schweiz (oder ist das beim Geschäftsmann 2.0 so, weil Google weiss, dass er gerade in der Schweiz hockt?) Anbei ein paar interessante Links dazu:

Uni ZH: Prof. Ernst Fehr bekommt einen Preis weil er den Altruismus im Homo oeconomicus gesucht und gefunden hat: http://www.uzh.ch/news/articles/2008/3188.html

“Wirtschaft und Psychonalyse” (Doch doch das gibts!): Da gibt es eine internationale Konferenzdazu und hier bloggt einer über die Zweifel in Sachen selbstregulierende Märkte, Homo oeconomicus etc (Cooles Bild vom Homo o)http://theschooloflife.typepad.com/the_school_of_life/2010/06/the-freud-museum-on-psychoanaylsis-money-and-the-economy.html

Gleich drei coole Karikaturen zum Homo oeconomicus! http://www.dinkela.de/zineedit/unterrichtsmaterial/markt/haushalt05.htm

Aus der Badischen Zeitung, Artikel aus dem Jahre 2008 zum Ende des Raffens und dem Aufstieg des Teilens:http://www.badische-zeitung.de/bildung-wissen-1/abschied-vom-raffke–3262082.html

Forum für Schweizer Wirtschaftspolitik: Wo die milden Kerle wohnen 🙂
Erneut ein Bericht über Prof Fehr der Uni Zürich. Interessant ist das Finding, dass der Urvater der Volkswirtschaftslehre, Adam Smith (1723-1790), seine Arbeiten auf der Basis der zwischenmenschlichen Sympathie aufbaute, was ja beim Homo oec. nicht gerade der Fall ist. http://www.batz.ch/2010/01/wo-die-milden-kerle-wohnen/

Der Homo oeconomicus im Gesundheitswesen! Auch das gibt’s…. …sicher interessant für Health 2.0 interessierte. Und hier ist die Forschungsarbeit von Harmut Reiners dazu (Das Gesundheitswesen als Gegenstand der Ökonomie).